Regioartline, 17/10/2007
Das melancholische System des Humberto Chávez Mayol
Es sieht nicht gerade appetitlich aus, was der Mexikaner Humberto Chávez Mayol (*1951) zurzeit in den Räumen der Galerie Foth zeigt. Zwölf große Fotografien auf Leinwänden, paarweise untereinander gehängt, schweben an dünnen Nylonfäden von der Decke und umschließen den vorderen Teil der Galerie wie ein halbkreisförmiges Auditorium. Die Bilder zeigen eine dunkle Öffnung irgendwo im Innern eines Körpers, aufgenommen vom Weitwinkelauge eines Endoskops. Im hellen Schein der Sonde mäandern feine rote Äderchen über die feuchten Wände, farbloser Schleim zieht Fäden, Bläschen schäumen. Hier schmatzt das warme Innenleben im Großformat, dass man schnell das Gefühl hat, selbst in einer Nische dieses feuchten Gewebes zu hocken und dem Körper beim Pulsieren zuzusehen. Es ist der Körper von Humberto Chávez Mayol. Jedes Fotos zeigt die Bewegung seiner Stimmlippen beim Versuch, die Buchstaben des Titels dieser Installation zu sprechen: „Tiempo Muerto“ – tote Zeit.
Anlass zu Mayols Arbeit war ein Erlebnis, das man nicht gerne mit ihm teilen möchte. Im Januar 2003, während eines Vortrags vor großem Publikum, verlor er plötzlich seine Stimme. Er machte den Mund auf, aber es kam kein Ton mehr heraus. Auch nach Wochen und Monaten nicht. Mayol suchte Spezialisten auf, ließ sich untersuchen, wieder und wieder, wälzte medizinische Fachliteratur – ohne Erfolg. Seine Kehle blieb stumm.
Je länger die Suche nach der medizinischen Ursache für seinen Stimmverlust andauerte und je mehr er dabei in die Bildwelt der Wissenschaft eintauchte, die mit großem Aufwand versuchte, seinen Verlust zu visualisieren, desto mehr fielen Mayol Orte und Dinge des täglichen Lebens auf, die in ähnlicher Weise irgendwann verstummt waren. Das Gerümpel in Second-Hand-Läden etwa, das kein Mensch mehr kauft, weil es unpraktisch geworden und aus der Mode gekommen ist. Oder die Depots naturhistorischer Museen, in denen sich ausgemusterte Tierpräparate in den Regalen drängeln und stumm ihre Zähne ins einsame Dunkel fletschen. Abgetrennt von ihrer ursprünglichen Funktion fristen sie ein Dasein, dem Sinn und Zeit abhanden gekommen ist und sich an Zukunft kein Verlangen mehr knüpft. Mayol begann solche Orte in einem Tagebuch zu sammeln. Innerhalb eines Jahres entstand auf diese Weise der Atlas einer verborgenen Welt, die aus der Linearität der Geschichte gefallen und in den nicht-linearen Zustand der Erinnerung übergetreten ist. Die zentrale Frage, um die sein Buch kreist, lautet: Erlaubt uns die Erinnerung, etwas zu bewahren, das tot ist, während wir leben? Und: Welche Funktion haben die Bilder, die die Erinnerung erzeugt und die jede unserer Begegnungen mit der Welt neu definieren?
Als Work-in-progress konzipiert, spielt Mayols Projekt „Tiempo Muerto“ diese Fragen seit rund drei Jahren in immer neuen Variationen durch. Ausgangspunkt ist dabei stets der endoskopische Blick in den eigenen Körper als Speicher individueller und kollektiver Erfahrungen. Doch das Material, die Assoziationen und Interpretationen, die Mayol dazu gesammelt hat, haben sich längst von seinem Körper getrennt und verselbständigt. Sie liefern den Stoff für eine komplexe Grammatik des Verlusts, deren Regelwerk und Schlagwortindex mittlerweile eine komplette CD-Rom füllt. Der Computer, an dem man sich in die Tiefen dieses melancholischen Systems vorarbeiten kann, steht im Hinterzimmer der Galerie, versteckt zwischen einem ausgestopften Orang-Utan-Baby mit staubigem Fell, großformatigen Röntgenaufnahmen und der Fotografie eines mit Antiquitäten voll geräumten Dachstuhls. Leise und eindringlich, wie aus dem Off des Unbewussten, tönt aus seinen Lautsprechern der Soundtrack, den der Kanadier Philippe Brière für Mayols „Tiempo Muerto“ komponiert hat. Die flüchtigen Pianoklänge fügen sich gut in dieses rätselhafte, dichte und äußerst suggestive Ambiente der Verlorenheit, das einen eines fast vergessen lässt: Man befindet sich hier nicht in einem öffentlich subventionierten Kunstraum, sondern in einer Galerie. Die Entscheidung, Mayols unverkäufliches Projekt auf Einladung der Freiburger Kuratorin Silke Bitzer in seinen Räumen zu zeigen, spricht von einem ungewöhnlichen Engagement des Galeristen Markus Foth, Kunst auch jenseits konkreter Rentabilitätserwartungen zu fördern.
Dietrich Roeschmann
zuerst erschienen: Badische Zeitung, 17/10/2007
Kulturjoker, März 2007
Kunst in Stereo
"Rewind – Fast forward" bringt im Kunsthaus L6 Sammlungsbestände und junge Positionen zusammen
Die Vorstellung, dass das Internet die Menschen quer durch den Globus wie ein unterirdischer Gang verbindet, ist zweifellos ziemlich charmant. Was in unzähligen Comics und Filmen bereits praktiziert wurde, hat sich nun im Freiburger Kunsthaus L6 verwirklicht. Mitten aus einem Erdaushub winken uns fremde Menschen entgegen, später sehen wir auf ein Arkadenhaus, gedämpfte Stimmen dringen zu uns. Benjamin Lee Martins interaktive Arbeit „World Wide Hole“ ist Illusion und Realität zugleich. Mittels Voip-Technik, Webcams, Bildschirm und Lautsprechern verbindet er zwei Orte miteinander. Ziel ist es, so viele Löcher wie nur möglich miteinander zu verknüpfen. Dabei spielt der in Berlin lebende Amerikaner auf die Metapher des Netzes und des Netzwerks an, zu dem sich Gleichgesinnte finden. Gleichzeitig bleibt der Betrachter, dem sich vor Ort entzieht, wer hier mit wem verbunden wird, staunend außen vor.
Überhaupt geht es in der von Silke Bitzer kuratierten Ausstellung „Rewind – Fast forward“ um Verbindungen. So setzt sie Werke junger Künstler zu solchen aus Freiburger Institutionen in Bezug. Keine schlechte Idee, die städtische Sammlung des Museum für Neue Kunst sowie die Sammlungen Rosskopf und Morat temporär ins Boot zu holen und damit dem Haus mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mit „Rewind – fast forward“ startet zugleich eine Kuratorenreihe des Kulturamts Freiburg, mit der jungen Ausstellungsmachern die Gelegenheit gegeben wird, einen Raum zu bespielen.
Die zu Paaren organisierten Verbindungen sind unauffällig genug gruppiert, so dass das kuratorische Konzept nicht die Ausstellung als Ganzes erstickt. Es schärft die Wahrnehmung, etwa Katrin Ströbels Arbeit „Les mille et une choses“ mit Raffi Kaisers „Grand Canyon“ nach Gemeinsamkeiten zu überprüfen. Ironischerweise ist die vermeintlich arriviertere Position Kaisers aus der Sammlung Morat ein Jahr jünger als Ströbels 70 Zeichnungen von 2004. Zügig, aber fast kalligrafisch fein hat Raffi Kaiser auf einen sechsteiligen Paravent mit Bleistift die Schlucht, halsbrecherische Übergänge, Wege und Leitern gezeichnet. Sein gewähltes Format lässt unweigerlich an eine asiatische angehauchte Wohnkultur denken. Design greift auch die 1975 geborene Katrin Ströbel in ihrer Zeichnungsinstallation auf. „Life should be stereo“ ist aneinander gespiegelt auf einem der Blätter zu lesen. Manchmal ist es nur ein im Raum schwebendes Tuch, dann eine Art Logo mit zwei Mufflons, dann eine absurd konstruierte Treppe. In diesem Zeichnungs- und Erzählkosmos, der immer wieder die Begrenzung der Blätter sprengt, kann man sich schon mal verlieren.
Noch deutlicher ergeben sich die Parallelen zwischen Friedemann Hahn und Klaus Wanker. Naturgemäß, denn beide Maler arbeiten sich auf eine sehr plakative Weise am Kino, der Mode und dem Markenkult ab. Nur, dass sich über die Werke des jüngeren Wanker ein leichter, diffuser Schleier gelegt hat. Unmittelbarkeit nimmt diese Malerei nicht für sich in Anspruch. Obwohl die Paarung mit Leo Erbs „Bildobjekt im Kasten“ für Katrin Herzners „Skulptur“ weniger zwingend ist, würde man doch ungern auf Herzners Installation verzichten. Die Umberg-Schülerin projiziert auf eine mit matter Folie bespannte Rahmenkonstruktion Skulpturen des Alltags. Streugutcontainer, ein kitschiges Denkmal, ein Abfalleimer, ein Stuhl werden in künstlicher Farbigkeit eingeblendet, sind da, entziehen sich aber gleich wieder. Das wirkt poetisch und schafft zugleich ein Gegenwicht zu Kaisers Paravent in diesem sehr behutsam inszenierten Raum. Ein Start, der die Möglichkeiten dieses Hauses zeigt.
Annette Hoffmann
Regioartline, 09/02/2007
Rewind / Fast Forward: Eine dialogische Ausstellung über die Newcomer und die Angekommenen in der Kunst
Man muss sich die Gegenwart als ein hungriges Monstrum vorstellen. Sekunde um Sekunde frisst sie sich ein Stück weiter in die Zukunft und lässt alles, was sie auf ihrem Weg verdaut, als Vergangenheit zurück. Ganze Berge an Geschichte türmen sich da inzwischen. Dank des Stoffwechsels, den wir Kultur nennen, ist der Erfahrungsüberschuss, der bei diesem Prozess anfällt, jedoch nicht verloren. Im Gegenteil: Er hält die Gegenwart am Leben und weist ihr die Richtung in die Zukunft.
Das gilt auch für die Kunst. Zumindest, wenn man die These ernst nimmt, um die die junge Kuratorin Silke Bitzer im Freiburger Kunsthaus L6 die Ausstellung "rewind / fast forward" aufgebaut hat. In paarweiser Zusammenschau konfrontiert sie hier sechs junge, museal noch unerfahrene Positionen (fast forward) mit sechs Arbeiten etablierter Künstler aus den Beständen der Freiburger Sammlungen Rosskopf, des Morat-Instituts und des Museums für Neue Kunst (rewind). Eine Art Dialog der Newcomer und der Angekommenen, eine Begegnung der Generationen. Dieses Konzept mag im ersten Moment vielleicht etwas schlicht klingen, doch Bitzer hat es mit ihrer präzisen Auswahl überzeugend umgesetzt.
Pop will eat itself
So verwickelt der junge Grazer Klaus Wanker mit seinem großformatigen Porträt eines aufreizend coolen Models gleich zu Beginn den malenden Filmtheoretiker Friedemann Hahn in eine Diskussion über die mediale Produktion von Mythen und Identität in der Popkultur. „I wear my sunglasses even at night, so I can keep my visions in my eyes“ (2006) heißt Wankers Bild, das face-to-face zu Hahns s/w-Still „Chicago Story“ (1972) hängt. Kaum sichtbar, in transparenten Lettern, verläuft der Schriftzug über die gesamte Bildfläche. Keine Frage: Sowohl Wanker als auch Hahn geht es um Illusion und Sophistication. Doch während Hahn jede Verführung in seinen Filmstills durch die Übermalung der Leinwandwirklichkeit unterläuft, ist sie bei Wanker zentraler Aspekt seiner künstlerischen Strategie. Mit ebenso glamourösen wie zwiespältigem Ergebnis, denn seine Gemälde profitieren in ihrer Attraktivität letztlich genau von jenem verwegenen Glanz der Lifestyle- und Fashion-Kultur, den sie als schönen Schein entlarven. Pop will eat itself.
Dokumentarischer Blick vs. Emotionale Erinnerung
Den Gegenentwurf zu Wankers spektakulär versiegelter Oberfläche bietet die uferlose Arbeit „Les mille et une choses“ (2004) von Katrin Ströbel. In 70 gerahmten Filzstiftzeichnungen entwirft die 31-Jährige ein poetisches, nach allen Seiten hin offenes Leitsystem des unbewussten Sehens. Ausschnitthafte Skizzen von Pflanzen, Stadtplänen, Neon-Schriftzügen, Zäunen oder Fußbodenmosaiken sortieren sich hier zu einem Vokabular der beiläufigen Formen, die unserer Wahrnehmung im Augenwinkel als Orientierungsmuster zugrunde liegen. Der Versuch, diese Muster aus der bloßen Erinnerung zu reproduzieren, mündet bei Ströbels Gegenüber, dem israelischen Künstler Raffi Kaiser, in zwei als Paravent im Raum stehenden Landschaftsfantasien vom „Grand Canyon, Colorado“ (2005). Auf ihre stille, bleiftiftfeine Weise führen sie vor Augen, wie sich Wissen, Sehnsucht und Erfahrung im Gedächtnis zu einer Fiktion mischen, die mit Ströbels Alltagszeichensystemen kaum noch zur Deckung zu bringen ist.
Diese Reibungen zwischen dem konzentrierten, erfahrungsgesättigten und dem hungrigen, nach vorne drängenden Blick sind es, die „Rewind / Fast Forward“ zu einer überraschend unterhaltsamen Schau machen. Wenn neben einer Zeichnung von Giorgio Morandi (Stillleben, 1963) im Fünf-Sekunden-Takt das immergleiche Dia einer sommerlichen Altbaufassade aufflackert (Anna Stiller, o.T., 2005) oder Burghard Müller-Dannhausens abstrakte Camouflage-Malereien (Mai 1986 III, 1986) neben der weltweit verschaltenen Webcam-Installation „WWH“ (2006) von Benjamin Lee Martin plötzlich selbst als Ausschnitte eines komplexen Netzwerks erscheinen, dann zeigt sich, wie eng Gegenwart und Vergangenheit bei dieser Auswahl tatsächlich beieinander liegen.
Drift ins Zentrum
Doch die Frage der Generationen ist hier nicht wirklich zentral. Die Differenz, die „Rewind / Fast Forward“ thematisiert, liegt eher in dem unterschiedlichen Status, den die jeweiligen Beziehungs-PartnerInnen der gezeigten Paare im Kunstbetrieb repräsentieren. Während die einen sesshaft geworden sind in den Sammlungen und auf diese Weise Anschluss an den Kanon gefunden haben, bewegen sich die anderen, „jungen“ KünstlerInnen noch frei an den Rändern des Betriebs. Wie stark jedoch ihr Drift ins Zentrum bereits ist, lässt sich schön an Tine Benz' „Architekturbild“ (2005) nachvollziehen. Es sei das einzige Bild gewesen, das sie noch im Atelier gehabt habe, sagt die Künstlerin. Nach großen Einzelausstellungen in Dortmund und Istanbul und ihrem letztjährigen Auftritt am Art Forum Berlin sind ihre implodierenden Raumkonstruktionen auf Leinwand nun größtenteils in Besitz von Privatsammlungen. Allein ihre Klebebandinstallationen, die die dreidimensionale Illusion ihrer Bilder in den realen Raum verlängern, sind an die jeweilige Ausstellungssituation vor Ort gebunden – und daher schwer verkäuflich. Ihrer aufregenden Arbeit gegenüber hängt im Kunsthaus L6 übrigens ein Widerpart, der nüchterner nicht sein könnte: Alfonso Hüppis „Holzrelief“ (1971) aus der Sammlung Rosskopf zeigt modellhaft die Linie als Mutter jeder Raumillusion – das Material, aus dem Hüppi seine Kiste gezimmert hat, ist real, ihr Volumen eine Täuschung.
Trauminsel im Kunstraum
Am Ende will in dieser Ausstellung allein ein Paar hier nicht so richtig zusammen finden. Zu fern und verloren wirkt Leo Erbs „Bildobjekt im Kasten“ (1989) neben der betörenden Installation „Skulptur“ (2005) der jungen Freiburgerin Katrin Herzner. Der aus Latten und milchiger Plastikfolie gezimmerte Kubus dient ihr sowohl als Bühne für Aufnahmen, die sie auf ihren Streifzügen durch den städtischen Raum macht, als auch als eine Art transparenter Guckkasten, in den sie eben diese Aufnahmen projiziert. Im Kunsthaus L6 steht diese Arbeit nun wie eine Trauminsel: ein faszinierendes Dia-Kino, in dem sich Bilder zu Räumen auffalten und plötzlich wie eine Fata Morgana über dem Boden zu schweben beginnen.
Dietrich Roeschmann
Badische Zeitung, 09/09/2005
Stadtteilkultur mit Geheimnissen
Nach „Werder5“ und „L6“ nun „Rosa9“: Programmatisch knapp stehen Straßenname plus Hausnummer diesmal für ein multiples Ausstellungskonzept, das bürgerschaftliches Engagement, Baugewerbe und Kunst zu einer lokalisierten Utopie von Stadtteilkultur verbindet. Kunst an nicht dafür ausgewiesenen Orten zu zeigen, das hatte Dorothea Strauss , die ehemalige Leiterin des Kunstvereins Freiburg als Steilvorlage für Freiburg vorgegeben. Ihre Vernetzungsstrategien tragen nun erste Früchte und sorgen für Kontinuität auch nach ihrem Weggang. Silke Bitzer und Jens Galler vom Kunstvereins Team, der Freiburger Künstler Harald Herrmann und der Bauingenieur Wulf Wössner , mittlerweile erster Vorsitzender des Kunstvereins, erkannten sofort das Potential für ein künstlerisches Interventionsmodell in dem Ensemble leerstehender Räume in der Rosastrasse. Sie konnten die Eigentümergemeinschaft und eine stattliche Reihe privatwirtschaftlicher Sponsoren überzeugen, in der ehemaligen Buchhandlung, in Kellern und Garagen ein auf drei Tage begrenztes Kunstprojekt in Form einer Heterotopie zu installieren. Das heißt wörtlich übersetzt: Zwischen Drogenszene, Schwulentreff und Straßenstrich einen ganz anderen Ort zu schaffen und selbstbewusst mit einer Kunst zu besetzen, die in elf Positionen die Schnittstelle zu gesellschaftlichen Randgruppen mitdenkt und in den Stadtraum übergreift.
Die Grenze vom Innen- zum Straßenraum wird Hideto Heshiki aus dem Team Amanda Miller sprengen, der im „Aquarium“ hinter einer Scheibe in einer 48-stündigen nonstop- performance die Anwohner, Flaneure und Passanten mit seiner Körpersprache anlockt, existentielle Empfindungen im Butho Tanz auszuleben. Im Stammhaus der Firma Rombach, wo einst die ersten Rotationsmaschinen der Badischen Zeitung liefen, können jetzt alle wieder Kind sein und mit einem Zug durch ein Modell von Freiburg fahren. Für das verwegene Künstlerduo aus Berlin, Hoefner & Sachs war das Lager im Keller, Weihnachtsschmuck, CDs, Gestelle, ein Glücksfall, um daraus Konzerthaus, Münster, Schlossberg entstehen zu lassen. Hinter den großen Fenstern zur Rosastrasse irritieren indes die trockenen Infotafeln und Architekturmodelle: Das „Cité manifeste“ präsentiert sozialen Wohnungsbau ganz in unserer Nähe in Mulhouse. „SOMCO“, die Wohnbaugesellschaft für Arbeitersiedlungen, 1853 gegründet und verantwortlich für die erste Arbeiterstadt in Frankreich, hat namhafte Architekten um den Star Jean Nouvel gesammelt mit dem städtebaulich reizvollen Auftrag, eine zeitgemäße Antwort auf das „carré mulhousien“ der Gartenstadt zu finden. Ob die Bewohner der 60 Sozialwohnungen allerdings die visionären Ideen von Zusammenleben, von Architektur, die die Grenze zwischen Innen und Außen mit riesigen Lofts aufweicht auch nützlich und nicht nur platzkostend finden, muss sich nach der Bauausführung erst noch erweisen. Folgerichtig finden wir daneben den jungen Schweizer Künstler Kerim Seiler plaziert, der mit seinem spröden Architekturmodell eines verfremdeten Le Corbusier Systems den Unterschied zwischen Vision und Realität anspricht. Einen Gegenraum zum realen Raum mit seinen wunderbaren Geheimnissen wartet in den Gewerberäumen im Hof auf uns. Da simuliert Anna Chkolnikova aus Paris einen Nachtflug über eine hell erleuchtete Metropole, deren Lichter wie Brillanten aus der Dunkelheit glitzern. Sehschlitze stoppen die reale Annäherung, wir fühlen uns stattdessen fliegen. Die Frage: Wie wachen wir aus einem Traum auf? beantwortet Karin Schlechter aus Köln in einem auf ein Bett projizierten Video. Es zeigt unser großes Zögern, in der realen Welt wieder Fuß zu fassen. Was wir wünschen und begehren fahren wir oft im Einkaufswagen herum. Hier entströmt demselben aber eine psychedelische, den Raum verändernde Farbpracht, die uns taumeln macht ( Schirin Kretschmann , Karlsruhe). Die Nomaden der Strasse können in der Garage im Hof an Steffen Lenk s Truck- Stop- Imbiss Sprit in Form kleiner Schnapsflaschen tanken - ein Link zur Szene, die der Träger des Kunstpreises des Kunstvereins Freiburg mit blecherner Country- Musik unterlegt. Was sie unter „Erfolg“ verstehen, fragt im Video der Dokumentarfilmer Bodo Kaiser die Freiburger: Sie winden sich, als ob es etwas Unanständiges wäre. Aber „Teamarbeit“ ist auch unter den Antworten. Wie könnte eine lebendige Kulturlandschaft in Freiburg besser präsentiert sein als im Kunstprojekt Rosa9?
Eva Schumann-Bacia
Kulturjoker, September 2005
Räume zwischen Kunst und Stadt
Rosa 9 untersucht das utopische Potential von Urbanität
Unbemerkt geschieht hier nichts. Früher wurde hier die „Badische Zeitung“ produziert, heute ist hier das Bundesamt für Strahlenschutz, mehrere Büros und Praxen Zuhause. Auch Wohnungen finden sich hier. Gegenüber liegt der Colombipark, in dem sich tagsüber die Drogen-, nachts die Schwulenszene trifft, ein paar Häuser weiter hat sich der Kontaktladen etabliert. Wir befinden uns in der Rosastraße 9, in der auf eine für Freiburg fast untypische Weise Urbanität gelebt wird. Und jetzt auch noch Kunst. Denn in die Räume einer ehemaligen Buchhandlung, einer Hautarztpraxis und den Keller wird am 9. und 10. September das Kunstprojekt Rosa 9 einziehen. Da wundert es nicht, dass die bisherigen Begehungen Misstrauen bei den Anwohnern ausgelöst haben.
„Ein Straßenfest soll es nicht werden“, stellt Jens Galler vom Freiburger Kunstverein klar. Tatsächlich ist Rosa 9 die konsequente Fortsetzung von Werder 5 und dem Kunsthaus L6. Entdeckt haben die beiden Immobilien Wulf Wössner und Harald Herrmann, die sich in Silke Bitzer und Jens Galler vom Kunstverein Freiburg logistische und fachliche Unterstützung gesichert haben. Das Prinzip, Ideen anhand leer stehender Gebäude zu entwickeln, hier zu intervenieren und die Räume dann aufzugeben oder wie beim Kunsthaus L6 zu institutionalisieren, kam bei den Künstlern so gut an, dass sie die Idee mit viel Idealismus unterstützen. Die Berliner Harry Sachs und Franz Hoefner werden eigens für Rosa 9 eine Installation im Keller verwirklichen. In zwei Wochen soll aus dem Gerümpel und den dort abgestellten Möbeln ein Modell der Stadt Freiburg entstehen, durch das eine kleine Bahn zuckeln wird. Finanziert wird das Projekt ausschließlich über Sponsorengelder und Sachspenden, in Freiburg keine kleine Herausforderung.
Es sind überwiegend junge Künstler, die Silke Bitzer und Harald Herrmann für dieses Projekt ausgewählt haben. Einige wie Schirin Kretschmann und Anna Chkolnikova studieren noch an Kunsthochschulen, andere beginnen sich wie der Kunstvereinspreisträger Steffen Lenk gerade zu etablieren oder sind bereits wie Franz Hoefner und Harry Sachs mit eigenwilligen Projekten aufgefallen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr situativ und prozessorientiert arbeiten und sich mit dem Raum oder der Architektur auseinandersetzen. Die Leitfrage von Rosa 9 ist so auch, erläutert der Freiburger Künstler Harald Herrmann, wie öffentlicher Raum in der Stadt funktioniert. Das Projekt hat dabei gute Bedingungen selbst zu einem ganz eigenen Gefüge zu werden. Der Hof, der die beiden Trakte miteinander verbindet, kann als geselliges Zentrum funktionieren, da Steffen Lenk in zwei Garagen einen trashigen Truck-Stopp-Imbiss bauen wird. Im Hinterhaus sind mit Schirin Kretschmanns Videoinstallation und Anna Chkolnikovas urbaner Guckkastenlandschaft aus Strasssteinen sowie Karin Schlechters Video „aufzeichnungen aus der zone 0“, die Frauen im Schlaf zeigt, sehr bildmächtige Arbeiten zu sehen. Während im Vordergebäude in den Werken von Kerim Seiler und dem Sozialwohnungsbauprojekt von Pierre Zemp Architektur durch Modelle thematisiert wird. Die Verbindung zur Straße hingegen wird Hideto Heshiki schaffen, der im Schaufenster eine 48stündige Butho-Performance aufführen wird. Wer den Tänzer noch von Amanda Millers Compagnie „Pretty Ugly“ oder seinen Soloprojekten kennt, weiß wie körperlich und zugleich plastisch er agieren kann. Nach zwei Tagen ist dann alles vorbei. Fast, denn auch Rosa 9 wird Spuren im Raum hinterlassen.
Annette Hoffmann